Von wegen gottgewollt!

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Brigitte Karpstein
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Von wegen gottgewollt!

Beitrag von Brigitte Karpstein »

Ein Beitrag meines Freundes, Priester i. R. im Bistum Köln:

"Ich will es schon mal vorausschicken und wiederholt daran erinnern:
In den ersten Gemeinden des Neuen Testamentes gab es die Unterscheidung von „Klerus“ und „Laien“ nicht.
Da war die Gemeinde „ein Herz und eine Seele“.
Nicht dass das da schon voll gelungen war.
Aber im Neuen Testament ist dieses gemeinsame, herzliche Miteinander als Ideal von christlicher Gemeinde so formuliert.

Die Abstufungen …. die Entwicklung zur „Hierarchie“ … das Kastensystem begann später … bis hin zu jener fragwürdigen Zweiklassengesellschaft.
In Anlehnung und in den Auseinandersetzungen mit den Mächtigen dieser Welt und ihren Bedrohungen entwickelte unsere Kirche die Strukturen der Macht.


Wenn heute ein Bischof behauptet,
die hierarchische Struktur der Kirche sei gottgewollt,
der soll mal in die Kirchengeschichte schauen.

Es gab auch die Zeiten in der Kirchengeschichte, in der weg von den Mechanismen der Macht … die synodale Struktur stark betont wurde.
Das entsprach dann oft dem „Zeitgeist“,
vermutlich auch in Rückbesinnung auf das Evangelium.
Da ließ so manches Mal die Zeitgeschichte demokratische Formen der Volksbeteiligung zu.

Dann waren wieder Zeiten,
in der die Kirche die autoritäre Struktur der Weltgeschichte nachgeahmt hat.
Von wegen die gottgewollte Hierarchie!


Als ich mit meiner Generation den Priesterberuf gestartet habe:
Das war eine Zeit der Autoritätskritik und der zunehmenden Demokratisierung.
Und die Kirche verließ ihre verhärteten Machtstrukturen und wurde immer mehr weltoffen und synodal.
Das II. Vatikanische Konzil sprach verbindlich vom allgemeinen Priestertum.
Die Kirche als Volk Gottes.


Ich muss den Wandel verschlafen haben:
An einem Morgen wachte ich auf und erlebte scheinbar plötzlich voll die autoritäre Machtkirche.
Es war die Zeit des Papstes Johannes Paul II,
der in der katholischen Kirche die synodalen Strukturen zurückdrängte,
den Gehorsam der Bischöfe, Priester und des „Volkes“ einforderte
…. und sogar seine Priester zum Denunzieren der „Ungehorsamen“ anstachelte.
Trotz sanfter, hoher Fistelstimme stand der deutsche Papst Benedikt XVI in Sachen Machtanspruch dem polnischen Papst in Nichts nach.
Der Papst als Autokrat … wie in manchen weltlichen Regierungen auch.

Kurzum:
In der Geschichte unserer Kirche gab es nicht die e i n e Struktur der Kirche,
von der man sagen könnte: Gottgewollt!
In der Struktur unserer Kirche gab es immer den Wandel
… mal mehr synodal … mal mehr autokratisch autoritär
… bis hin zum Dogma und vor allem dem praktischen Gehabe einer päpstlichen „Unfehlbarkeit“.
Da war von jenem einstigen „ein Herz und eine Seele“ nichts mehr übrig.


Die Kirche Jesu mit dem „Programm“ der LIEBE hat sich erneut in eine Kirche der Macht und Unterwerfung verwandelt und verrät ebenso ständig ihren Auftrag.


Wenn die Struktur der Kirche ihren Auftrag, ihr Programm verrät ..
wenn die Verpackung dem Inhalt wiederspricht …
Das tut unsere Kirche,
wenn sie die LIEBE auf ihr Etikett schreibt und in ihren Predigten predigt
… aber in ihrer Praxis voll auf Gehorsam und Unterwerfung setzt und die unantastbare, unfehlbare MACHT lebt.

Aktuelle Beispiele muss man da heute nicht schon wieder beschreiben.
Aktuelle Beispiele haben wir vor der Tür.
Da fallen unsere Bischöfe und Kirchenführer aus ihrem Auftrag und Programm heraus.
Ein krasser Verrat an der Sache Jesu!
Und die Menschen verlassen ihre Kirche.
Unsere Kirche wird leer und leerer
… und ich kann diese Menschen sogar verstehen.
Da freuen sich Priester auf ihre Rente,
weil sie mit diesem „Laden“ nichts mehr zu tun haben wollen.

Da sich auch die Kirche nicht in einer Parallelwelt mit anderen Regeln befindet …
Auch für die Kirche gilt:
LIEBE und MACHT schließen sich aus.

Wer in welcher Beziehung auch immer den anderen seine Macht und Überlegenheit spüren lässt, kirchlich seine Macht oft als Fürsorge kaschiert,
hat gar nicht angefangen zu lieben oder hat bereits zu lieben aufgehört.
Denn:
Die LIEBE unter mündigen Menschen gelingt nicht von oben nach unten und auch nicht von unten nach oben.
Die LIEBE gelingt nur in Augenhöhe.
Die LIEBE sucht immer wieder neu dieses „ein Herz und eine Seele“.


Ein Papst,
der den unbedingten Gehorsam einfordert und zum Denunzieren auffordert wie der polnische und der deutsche Papst,
und
dabei ständig von der Liebe predigt:
DER LÜGT !!!
…. und hat mit Jesus nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Im Dunst des Weihrauchs der VERRAT an Jesu Auftrag.
Selbst der gute Papst Franziskus heute kommt von jenem verräterischen Kastensystem nicht los.




Ein aktuelles Beispiel zur Veranschaulichung dann aber doch:
Es geschah in unserem Erzbistum.
Der Seelsorgebereich bleibt anonym.
Was da geschah, ist gut recherchiert und mehrfach zuverlässig berichtet:

Ein Pfarrer stellt einen Freund in einem seiner Pfarrbüros ein.
Das macht Sinn und ist korrekt, wenn er mit diesem gut zusammenarbeiten kann.

Dann aber begann das Spiel einer unglaublichen Vetternwirtschaft.
Der Pfarrer schuf für seinen Freund die künstliche Stelle eines stellvertretenden Verwaltungsleiters über die Pfarrsekretärstelle hinaus.
Dieser bekommt jetzt … anders als die langjährigen Sekretärinnen … auch als Pfarrsekretär dieselbe hohe Gehaltsstufe wie als stellvertretender Verwaltungsleiter.

Mit den langjährigen Sekretärinnen hat dieser Pfarrer seine Pläne nicht kommuniziert, sondern hinterhältig durchgezogen.
Als diese die Höherstufung ihres Kollegen zufällig über den PC erfuhren,
wurden sie vom Pfarrer sogar belogen.
Der Pfarrer muss in seinem Inneren sein faules Spiel der Vetternwirtschaft gewusst haben.
„Tschuldigung!“ .. das war‘s.
Die eine hat gekündigt.
Die andere wurde krank.

Als jene sich nach den erfolglosen Auseinandersetzungen in der Dienstbesprechung bei der Rechtsberatung der Mitarbeitervertretung im Generalvikariat beschwert hatte,
war der Satz der Juristin:
„Ich verstehe Ihre Wut.
Aber ein leitender Pfarrer darf das!“


Als der Pfarrvikar die ungerechte und unfaire Behandlung der Sekretärinnen beim Kardinal vorbrachte
… die meiste Arbeit machen die Sekretärinnen, der bevorzugte Kollege aber steht in der Arbeitsteilung unter dem Welpenschutz des Pfarrers … ,
da war die niederschmetternde Antwort des Kardinals:
„Das geht Sie nichts an!“

Formaljuristisch hat der Kardinal Recht.
Auf einer moralischen Ebene und mit den biblischen Maßstäben eines herzlichen Miteinanders aber hat der Kardinal sich endgültig entlarvt.
Verdammt!

Theologischer Exkurs: Im Streit um die Unfehlbarkeit redeten nach meinem Eindruck Rom und der Tübinger Theologe Prof. Küng aneinander vorbei.

Rom betonte, dass die päpstliche Unfehlbarkeit in Fragen „des Glaubens und der Sitte“ auf dem I. Vatikanischen Konzil zurückgebunden werden sollte an den gemeinsamen Glauben der Kirche. Durch den Abbruch des Konzils aufgrund des deutsch-französischen Krieges 1870/71 kam es aber zu diesen dogmatischen Formulierungen nicht.

Prof. Küng hingegen kämpfte gegen das tatsächliche, praktische Gehabe der Unfehlbarkeit durch die Päpste an."
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